Wie können wir Befreiungstheologie in unseren entwickelten Industrieländern leben?

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Das Besondere an der Befreiungstheologie ist, dass dem Evangelium ein hoher Stellenwert eingeräumt wird. Ursprünglich stammt diese Glaubensrichtung aus Lateinamerika, wo es viele unterdrückte und landlose Bauern gab, die einen starken Glauben hatten. Ein typischer Vertreter der Befreiungstheologie ist der am 1. März 2020 verstorbene Ernesto Cardenal. Er las sonntags gemeinsam mit den Bauern eine Stelle aus dem Evangelium und besprach, wie das Gleichnis auf den Alltag zutrifft. Befreiungstheologie bedeutet für mich das bewusste und aktive Nachleben des Evangeliums.
In unseren Industrie- und Konsumländern haben die Gleichnisse Christi eine andere Bedeutung aber sie haben ebenfalls einen direkten, aber einen anderen Bezug zu unserem Leben. Das ist das Geheimnis des Evangeliums. Z.B. das Gleichnis vom Sämann. Nur ein kleiner Teil der Saat fällt auf fruchtbaren Boden, bringt aber vielfache Ernte. Man kann dies so interpretieren, dass es ausreicht, wenn jeder viel weniger arbeitet. Dass in unserer Wegwerfgesellschaft Vollbeschäftigung angestrebt wird, geht einher mit hohem Ressourcenverbrauch und Abfallerzeugung zum Leiden der Schöpfung. Die entsprechende Seligpreisung Christi ist die Preisung der Sanftmütigen, die lange sitzen, meditieren, die Natur beobachten oder einfach nur untätig mit ihren Kindern zusammen sind.
Hier in unserer Wegwerfkultur haben Christen eine besondere Rolle. Wir beten jemanden an, der uns zurief: Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes. Jemand, der selbst in Armut lebte. Wir beten den Christus am Kreuz an, damit er unsere Sünden wegnimmt, aber gleichermaßen beten wir Geld und Wohlstand an. Und das führt dazu, dass wir die Erde, die Gott uns gab, um sie zu behüten, hemmungslos ausbeuten.
Vielmehr müssen wir aktiv dem lebendigen Christus folgen, dessen Anwesenheit ich in den jetzigen Tagen besonders spüre. Wir können das, indem wir, genauso wie die Anhänger der lateinamerikanischen Befreiungstheologie, im Evangelium konkrete und praktische Hinweise für unser tägliches Leben suchen und diese umsetzen.

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Eberhard Licht
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